Andy Hope 1930

0,10 and a half by Andy Hope 1930
April 30, 2011 - July 2, 2011

Die Galerie Guido W. Baudach freut sich zum Gallery Weekend 2011 mit 0,10 and a half by Andy Hope 1930 ihre fünfte Einzelausstellung des Künstlers zu präsentieren. Die Ausstellung, die an beiden Galeriestandorten im Wedding und in Charlottenburg stattfindet, bewegt sich zwischen dem Ganzen und der Hälfte; sie handelt von Schnitt und Zusammensetzung, von Halbierung und vollem Volumen, von Unterbrechung und Fortsetzung oder Rahmen und Unendlichkeit. Dazu kommen als Bedingung zwei große Bezugsysteme, die in der Kunst von Andy Hope 1930 immer wieder zusammengezogen, durchkreuzt, montiert und kontrastiert werden. Das erste System nennt der Titel direkt: die Kunst der russischen Suprematisten, hier von ihrem Auftakt her gesehen, 0,10, der ungewöhnliche Titel jener legendären Ausstellung, die 1915 das Ende des russischen Futurismus in Petrograd (heute St. Petersburg) verkündet. Das zweite Feld liefert der Comic, genau genommen, das populäre Massenmedium, das sich in den 30er Jahren entwickelt, eng verknüpft mit der Erfindung der Superheros. Eine der Schnittlinien, die 0,10 and a half strukturieren, ist daher das Jahr 1930: Ende der Moderne/Aufstieg des Comics. Das Zeichen, mit dem der Künstler seit dem Ende der 90er Jahre seine Werke signiert, erinnert tatsächlich vor allem an die Geschichte der russischen Moderne (und nicht, wie häufig vermutet oder unterstellt, an den Auftakt der Epoche des Nationalsozialismus); es ist vielmehr als Hoffnung auf eine Fortsetzung des Projekts zu lesen, das 1930 im Osten sein Ende fand und danach unverbraucht liegen blieb. Mit ebenso großem Nachdruck verweist die Jahreszahl dann auf die Entwicklung im Westen, also den entscheidenden Umschwung und Neuanfang, der nach 1929 in den USA vor allem in den Massenmedien und dort im Comic Strip stattfinden sollte. Erst in einer dritten Schicht ist mit dem Jahr 1930 das gemeint, was dem Niedergang der Moderne in Europa historisch folgen sollte, und zwar als eine immer noch spürbare Bedingung unserer Zeit. Weder konnte die Niederschlagung des Faschismus diese Wirkung eingrenzen, noch haben die im Anschluss ausgebildeten Mitteln (der offizielle Antifaschismus und die Rehabilitation der Moderne) zu erfassen vermocht, was in den 30er Jahren verloren, zerstört und in Bewegung gesetzt wurde.

Eine zentrale Werkgruppe der Ausstellung konkretisiert daher den Begriff der Zeit: die Time Tubes, Zwitter aus Bild und Skulptur, Hybride großer Einfachheit und unfassbarer Komplexität, Montagen, die ein absolutes Nicht-Bild als Schauseite auf der Stirn einer Nicht-Skulptur vorstellen. Sie verräumlichen wortwörtlich das Schwarze Viereck von Malevich (1915 in Petrograd erstmals gezeigt) und lösen dessen gemalte Materialität auf, setzen aber einen unpassenden (einen vormodernen) Rahmen dazu und ein sperriges Unding aus rohem Industrieholz dahinter. Der Schnitt geht im gleichen Moment durch das Universum und durch die Definition der Moderne; er verdoppelt Rahmen und Sockel, eliminiert aber die Trennung zwischen Bild und Skulptur oder Fläche und Raum.
Auch das Objekt Wind from Nowhere und die Bilderserie Halfaman kombinieren Comic und Suprematismus. In dem Objekt sind stark vergrößerte Fetzen, die für den Comic Strip typischen Zeichen für Explosionen und Geschwindigkeit, mit einem dynamisches Ensemble verschmolzen, das im russischen Konstruktivismus als Träger für eine Propagandaveranstaltung konzipiert worden war.  Die Bildserie präsentiert eine seltsame Comic-Figur, den Halfaman, einen Held, der aus einem halben Körper besteht, in der Vertikalen durchschnitten, auf der Fläche an der Seite schwarz – er trägt nun selbst den Schnitt als sein Wunder.  In die Entwicklung dieser Figur hat Andy Hope 1930 das Spätwerk von Malevich einfließen lassen, die Bilder, in denen der Konstruktivist zur Darstellung des Menschen zurückkehrte: ein einfaches System aus Horizontaler und Vertikaler, die nahezu symmetrisch durch den Körper führen und den Menschen als Kreuzungspunkt oder Spiegelfläche verschiedener Farbflächen fassen. Die Struktur der Time Tubes – das leere Bild oder Nichtbild am sperrigen oder körperlichen Objekt, der Schnitt am Volumen, das Schwarz im Gegenstand – erscheint in Hopes „Halbmenschen“ auf der Fläche und in Farben. Wie bei Malevich sind die Bilder gleichermaßen Portrait und Entwurf oder Abstraktion und Konkretion. Sie rekonstruieren die unfassbaren Aspekte des dreidimensionalen Gegenstands im zweidimensionalen Medium, wo sie natürlich leichter erscheinen können, aber ihre Figur bleibt ein vollständiges Wesen. Halfaman wird nicht als Fehler, Kuriosität oder Karikatur vorgestellt. Er ist ein Mensch, der mit seiner metaphysischen Innenseite offen von außen zu sehen ist.
Als Scharnier oder Gegenstück aus Licht steht In Search of an Exit zwischen den gemalten Bildern und dem schwarzen Raum der Tubes, ein Leuchtkasten, in dem eine Filmsequenz  zum stehenden Bild wird, aber es kommt nicht wirklich zur Ruhe: Mond, Sonne oder schwarzer Stern, Abstraktion, Perspektive oder Gegenständlichkeit ... keine Deutung bleibt dominant.

Daneben zeigt Andy Hope 1930 eine weitere neue Serie von Gemälden, die noch einmal das Verschwinden der Gegenständlichkeit aufnimmt und wieder im Medium der Comic Strips ansetzt: beim Titelblatt, der Schauseite einer Geschichte, der Ankündigung eines neuen Abenteuers. Die Schriftzüge auf einem Comic sprechen in Setzungen und verschärfen – wie die Zeichen der Geschwindigkeit und des Explosiven, die Wind from Nowhere heranzog – die Wucht des eigenen Auftritts, vermischen ihn mit Gefahr, Feuer, Sturm, Horror, Fieber, Vibration... das Genre greift hier unmittelbar zu dem Stoff, der im Zentrum der Massenmedien nur angedeutet wird (ein Merkmal des Pulp), sucht ohne Umweg die Sensation und verrät den heftigen Kampf, der im Hintergrund der Ware tobt. Dieses Kennzeichen hat Andy Hope 1930 zugespitzt (reduziert auf ein einziges Wort) und freigestellt; er hat die Bildwelt und alle sonstigen Anhaltspunkte unter dem reißerischen Schlagwort verschwinden lassen, um nur noch eine gemalte Fläche zu zeigen, die materielle Dimension der Malerei, das Medium, das die Bilder hervorbringt, mit dem sie leben müssen und in dem sie auch wieder versinken können.

Momentan zeigt das Centro de Arte Contemporáneo de Málaga die Ausstellung Robin Dostoyevsky by Andy Hope 1930 (8. April – 19. Juni 2011).