Thomas Zipp
Die Galerie Guido W. Baudach freut sich, zum Gallery Weekend Berlin 2012 an beiden Standorten in Wedding und Charlottenburg
eine neue Ausstellung von Thomas Zipp zu präsentieren.
In BLACKOUT CHAMBERS, L´ARC DE CERCLE & DISSOCIATIVE AMNESIA verbindet Zipp Einzelwerke der Skulptur, Malerei und
Grafik zu einer komplexen raum-u?bergreifenden Installation, welche in ihrer Gesamterscheinung an eine dörfliche Ansiedlung
denken lässt. Fünf Großskulpturen, davon vier in der Galerie in Wedding und eine in Charlottenburg, dominieren das weitverzweigte
Ensemble. Die äußere Gestaltung der begehbaren Werke mit ihrem prägnantem Dachüberstand und der rustikalen Holzfassade
erinnert an Hüttenarchitektur. Der Eindruck, man bewege sich auf ländlichen Terrain, wird verstärkt durch auf Sockel montierte
Baumskulpturen, die sich vereinzelten Bewohnern gleich, in der Ausstellung verteilen. Doch die Holzhütten bergen mehr als ihre
pseudo-verwitterte Oberfläche vermuten lässt. Zwar herrscht in der spartanischen Inneneinrichtung eine adäquate Panelenstruktur
vor, doch ist diese etwa im Falle der Hütte, welche im Charlottenburger Ausstellungsteil zu sehen ist, in gleißendem Weiß lackiert.
Von der Decke hängt verloren eine Schaukel. Das Innenleben der teilmöblierten Großskulpturen in Wedding wiederum ist vollständig
verspiegelt. Multiple Reflexionen rufen ein Gefühl der Desorientierung sowie eines Schwebezustands hervor. Blickt der Besucher
nach unten, zum Boden, dann sieht er sich selbst von oben – ein optischer Effekt, der gleichsam das Losgelöst-Sein vom eigenen
Körper erfahrbar macht. Nicht umsonst ist bereits im Ausstellungstitel mit dem psychologischen Fachterminus der Dissoziation, der
eine spezifische Fehlfunktion, d.h. einen Bruch in der Selbstwahrnehmung bzw. der Integrationsfähigkeit des Bewusstseins
beschreibt, ein Hinweis auf die der Schau insgesamt immanente Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Auflösung von
Individualität und Identität enthalten.
In Dialog mit den verschiedenen skulpturalen Elementen der Ausstellung stehen mehrere großformatige Gemälde mit
Pflanzenmotiven, wobei diesen als auch den Baum-Skulpturen zeichnerische bzw. collagierte Darstellungen von Äpfeln beigeordnet
sind. Der Apfel, der sich als Frucht vom Baum trennt, erscheint als Sinnbild der Vereinzelung, wie sie jeder Mensch in der realen
Existenz im eigenen Körper und durch sein Selbstbewusstsein erfährt. Als Symbol des dem Erkenntnisstreben geschuldeten
Verlusts der ganzheitlichen Harmonie des paradiesischen Zustands steht der Apfel ebenso für den Ursprung des
eigenverantwortlichen Menschen als auch für die damit unauflösbar verbundene Grunderfahrung des Gespaltenseins von Ich-
Subjekt und Umwelt.
Thomas Zipps neue Werkgruppe beeindruckt nicht allein durch ihre physische Präsens und ihre visuelle Kraft. Der Künstler treibt ein
subtiles, hintersinniges Spiel mit uns und unserer Wahrnehmung. Ganz gezielt und lustvoll werden Sehgewohnheiten und
Raumgefühl ad absurdum geführt. Gleichzeitig ruft Zipps vielschichtig gespanntes Netz kultur- und geistesgeschichtlicher
Assoziationen existenzielle Fragen des Mensch-Seins als solches wach: Äußerlichkeit und Verinnerlichung,
Individualisierungsprozess und Fremddefinition sowie den Zusammenhang von unmittelbarem Erleben und reflexiver (Selbst-)
Erkenntnis.
